Misplaced
Childhood
Die Musik auf dem Album ist in viele Teile zerlegt. Die meisten
Songs bestehen aus kurzen Melodien, die in außergewöhnlicher Art
und Weise miteinander verknüpft wurden. Diese in Teile zerlegte
Form macht es mehr zu einem Album, bei dem man zuhört, als einem,
welches man im Hintergrund abspielt.
Die Texte sind noch zersplitterter als die Musik und aufgrund ihrer
persönlichen Natur sehr schwierig zu deuten.
Pseudo Silk Kimono
(2.14)
Pseudo Silk Kimono ist eine kurze Einleitung für das Album. Volle
Synthesizer, ein warmer Bass und eine im Hintergrund angedeutete
Gitarre – das ist alles, was Fish’s sanfte (fast
flüsternde) Stimme begleitet.
Erzählt wird die Geschichte von Fish’s LSD-Trip, tatsächlich
sogar ziemlich detailliert.
Kayleigh (4.04)
Mit den verklingenden Tönen des Synthesizers beginnt das
Gitarren-Intro von Kayleigh.
Er wird oft als der „K-Song“ bezeichnet. Dies ist der
bestimmte Song, den jeder kennt, wenn man „MARILLION“
erwähnt. Der Text des Songs wurde von den Bandmitgliedern als zu
privat angesehen, da jeder in der Band Fish’s frühere
Freundin Kay kannte. Fish hatte ihren zweiten Namen Lee durch eine
andere Schreibweise geändert und bestand darauf, lieber ihren Namen
in dem Song zu verwenden (nachdem er sie angerufen hatte, um zu
fragen, ob es ihr etwas ausmachen würde), anstatt einen der
eingeworfenen Vorschläge wie Katherine oder Jennifer.
Während des Schreibens und der Aufnahmen wechselte der Text für
dieses Lied täglich. Fish grub seine Erfahrungen mit diversen
Ex-Freundinnen (nicht nur Kay) aus, um letztendlich eine erfundenen
Charakter daraus zu erschaffen. Während der Abschlussaufnahmen
hatte er immer noch keinen Text ausgesucht und am Ende lud Chris
Kimsey den Rest der Band zum Essen ein, um Fish mit dem Auftrag, es
nicht ohne fertigen Song zu verlassen, allein im Studio zu lassen.
Nur zwei Stunden und ungefähr genauso viele Flaschen Alkohol
später, hatte Fish seinen Text fertig, der dann sogar noch in
derselben Nacht aufgenommen wurde.
Der musikalische Sprössling von MARILLION’s bekanntestem Song
stammt von Steve Rothery. Eines Abends bat ihn seine Frau Jo darum,
ihr zu zeigen, wie er Musik auf seiner Gitarre schreibt, und
während er irgendetwas für sie spielte, erfand er den berühmten
Eröffnungs-Riff.
Mehr Spannungen und Ego-Streitereien entstanden, als Ian Mosley
seine drum-parts für den Song vorführte. EMI erkannte das
Hit-potential in diesem Song und fürchtete, dass sein Vierfach-Bass
Füller nicht modern genug sein würde. Mosley bestand aber darauf
und erschuf einen der raffiniertesten Drum-Füller der
Geschichte.
Lavender
(2.26)
Eine Klavier-Sequenz verbindet Kayleigh
und Lavender.
Ursprünglich gerade mal 90 Sekunden lang, wurde diese zweite Single
zu einem der originellsten Songs der Rock Geschichte (laut
Fish’s eigenen Worten), da er einen traditionellen Kindervers
mit klassischen Rock-Komponenten verbindet. Fish: „Durch
Parks spazieren und die Musik von Joni Mitchell hören, ist
Lavender
der Traum des kleinen
Jungen davon, durch den Park zu spazieren, in die Frau seiner
Träume zu stolpern und sich auf der Stelle in sie zu
verlieben.“
Bitter Suite
(7.57)
(i. Brief encounter, ii. Lost weekend, iii. Blue Angel, iv.
Misplaced rendez-vous, v. Windswept thumb)
Einer der
längeren und komplexeren Songs auf dem Album. Dieser recht
bruchstückhafte Song beginnt mit dem sehr zweideutigen kleinen
Gedicht Brief Encounter (der Titel stammt von einem Gedicht David
Leans, einem der größten Schnulzenheinis aller Zeiten). Nach dem
gesprochenen Teil wird Lost weekend gesungen, und das musikalische
Thema von Lavender
wird zu „Blue
Angel“ wiederholt.
Blue Angel ist der Titel eines
deutschen Films von 1930. In diesem Abschnitt stellt Fish eine
weitere verlorene Liebe vor: eine französische Prostituierte.
Fish: „Magdalene war in Lyon und um die Wahrheit zu sagen,
sie war keine Prostituierte. Das war lediglich eine Verbindung von
Ereignissen, gemacht unter künstlerischer
Freiheit.“
Abgesehen vom musikalischen hat Blue
Angel auch textliche Bezüge und in den 1990ern wurde dieser
Abschnitt bei Live-Auftritten während Lavender
gespielt, wahrscheinlich,
weil es anfangs tatsächlich ein Teil von Lavender
gewesen ist. Der Schluss
von Blue Angel erscheint auch wieder im Single-Remix von
Lavender.
Misplaced
rendezvous erzählt die Geschichte einer weiteren unglücklichen
Liebesaffäre – sehr personenbezogen. Misplaced rendezvous
geht über in Windswept thumb, welches auf seine Art eine Einleitung
für den nächsten Song des Albums ist.
Heart of Lothian
(4.02)
(i. Wide boy, ii. Curtain call)
Heart of
Lothian ist ein (für MARILLION) sehr geradliniger Rocksong. Der
Text handelt von Fish’s Nationalismus – stolz darauf,
ein Schotte zu sein, bezieht er sich auf das Land seiner Geburt
(Mid-Lothian, südlich von Edinburgh). Erzählt wird die Geschichte
aus der Zeit, als Fish noch einer der „Wide boys“ war
– junge, heranwachsende Männer, die gewöhnlich auf der Straße
und das ganze Wochenende in den Pubs herumhingen. Im Grunde sagt
er: „Was tue ich hier in London mit dieser Band, ich möchte
zurückgehen, schließlich wurde ich mit einem
„Lothian-Herzen“ geboren. In Curtain Call ist er zurück
in der Realität, mit der Band, den Konzerten und der Presse um ihn
herum. Er ist unglücklich, möchte zurückkehren zu seiner Jugend,
als alles perfekt schien. Zurück zum Wasserloch.
So endet Seite eins.
Waterhole (Expresso
Bongo) (2.13)
Die zweite Seite des Albums beginnt mit
bedrohlichen Keyboard-Klängen, ehe die Drums dazukommen und ein
schneller, mit Percussions erfüllter Rocksong, beginnt.
Noch einmal sinnt Fish über seine Jugend mit den Kumpels, seine
ersten Schritte in die Wirren der Liebesaffären, verbunden mit den
zu der Zeit noch aufregenden Besuchen im Pub.
Lords of the Backstage
(1.53)
Ein weiterer, schneller Rocksong, der
ursprünglich nach Kayleigh und Lavender
geplant war und einmal mehr
von der schlechten Vereinigung von Liebe und dem Leben auf Tour
handelt.
Blind Curve
(9.29)
(i. Vocal under a
bloodlight, ii. Passing strangers, iii. Mylo, iv. Perimeter walk,
v. Threshold)
Die Musik wird für den Epos auf dem
Album wieder ruhiger. Nun, tatsächlich kann man nicht wirklich von
einem Epos sprechen, da es sich wieder um einen in Teile zerlegten
Song handelt. Fish gibt uns mit seiner Stimme weitere private
Details über seine Liebesaffäre....und aneinander vorbeigehende
Fremde, ehe Steve Rothery mit einem der schönsten Gitarrensoli
überhaupt übernimmt.
Der Tod ist ein unvermeidbarer Teil des Erwachsenwerdens und Mylo
handelt von dem Verlust eines engen Freundes der Band, John Mylett,
der bei einem Autounfall in Griechenland während Marillion’s
FUGAZI-Tour durch Nord Amerika, starb.
In selbst-erklärenden Worten erzählt
Fish von den Gefühlen, die er hatte, während er weiterhin
Interviews geben und abends auftreten musste. Am Ende dieses
Teilstücks greift Fish nach der Flasche und den Pillen...
Im nächsten Teilstück Perimeter Walk sind wir wieder zurück am
Anfang: Fish’s LSD-Trip. Wieder einmal sehr zweideutig könnte
es zum Einen um die Erfahrungen während dieses LSD-Trips gehen
(oder nach der Einnahme der Pillen und des Alkohols am Ende von
Mylo), während es gleichzeitig darum gehen könnte, ein kleines Kind
zu sein, welches am Grenzzaun vor dem Haus entlang läuft. (Ich bin
niemals zuvor so weit draußen gewesen....)
Er möchte wieder ein Kind sein (Meine Kindheit, gebt sie mir
zurück), aber es gibt eine Schwelle. Möchtest du wieder ein Kind
sein und in dieser Zeit der Kriege und Probleme aufwachsen? Wie
kann man bei all dem hier ein Kind aufwachsen lassen? Wie kann man
das rechtfertigen?
Childhoods End?
(4.33)
Dann kommt der
Moment der Klarheit. Das Kind ist nicht verschwunden, es ist noch
hier, ganz tief in dir. Er begreift, dass er mit seinem Leben
weitermachen muss, dass er nicht weiterhin um das Kind trauern
kann, welches er war, weil er immer noch dasselbe Kind ist.
Der Titel stammt von einem Arthur C. Clarke-Roman, welcher früher
schon Genesis zu dem Lied „Watcher of the sky“
inspiriert hat (von 1972’s Foxtrott).
Das Klimpern von Rothery’s Gitarre wurde zu seinem
Markenzeichen für ungefähr die nächsten 12 Jahre, in denen jedes
Album ca. 1-2 Songs enthielt, in denen dieser einzigartige Stil
vorherrschte..
White Feather
(2.25)
Das
obligatorische Happy End. Fish verspricht uns, seine Musik zu
nutzen, um für alle Kinder der Welt einzutreten.
Ich will nicht mehr weggehen.